Ein Bericht von Prof. Dr. Dr.h.c. R. Laszig, Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde Freiburg

Meinerzhagener Zeitung

Gastgeber des "3. International Symposium on auditory Brainstem Implants" war die Universitäts-HNO-Klinik in Freiburg. Die Veranstaltung wurde wesentlich unterstützt von der Firma Cochlear, dem führenden Hersteller von Hirnstammprothesen (Auditory Brainstem Implants). Die Teilnehmer - HNO-Ärzte, Neurologen, Neurochirurgen, Ingenieure und Audiologen - kamen aus Europa und Übersee nach Freiburg. Das Symposium bestand aus drei Teilen mit Vorträgen, Diskussionen, einer Operation und Trainingsmöglichkeiten für künftige Operateure im Labor. Ziel war es, einen aktuellen Stand zu erfahren und die bisherigen Ergebnisse kritisch zu betrachten.

In Europa sind 91 Patienten seit 1992 mit Hirnstammprothesen der Firma Cochlear versorgt worden. Damit wurde es jetzt Zeit, Bilanz zu ziehen, was insgesamt befriedigend ausfiel. Wesentlich dazu beigetragen hat PD Prof. Mautner aus Hamburg mit seinen Bemerkungen zum klinischen Erscheinungsbild der Neurofibromatose Typ2 und den bisher bekannten genetischen Grundlagen dieser Erkrankung. Der Beitrag von Prof. Mautner hat gezeigt, wie wichtig der multidisziplinäre Ansatz in Diagnostik und Therapie für NF2 ist. Damit kann eine Optimierung der Behandlungskonzeption gelingen. Prof. Illing, Neurobiologe aus Freiburg, hat im Hinblick auf das chirurgische Vorgehen Fragen der Signalverarbeitung der zentralen Hörbahn angesprochen. Diese Arbeiten mögen einen Beitrag leisten, neue Elektrodenträger zu entwickeln und - zunächst am geeigneten Tiermodell - zu erproben. Dr. Manrique aus Pamplona leitet ein Projekt unter Beteiligung anderer europäischer Kliniken, welches sich mit Elektroden, die den Nucleur cochlearis penetrieren, beschäftigt. Prof. Cohen vom New York Medical Center zeigte auf, dass auch in den USA solche Möglichkeiten intensiv erforscht werden. Prof. Sollmann, Neurochirurg aus Braunschweig, der zusammen mit Prof. Laszig, HNO-Arzt aus Freiburg, wohl die meisten Implantationen in Europa vorgenommen hat, berichtet über das chirurgische Vorgehen, und beide demonstrierten am 9.3.2001 per Live-Übertragung aus dem OP-Raum der Universitäts-HNO-Klinik Freiburg eine dieser überaus schwierigen Operationen.

Höchst interessant waren auch die Berichte aus Prag, Verona, Pamplona, Manchester, Hong Kong, Freiburg und Paris über die dortigen Erfahrungen. Dabei kristallisierte sich heraus, dass nicht alle Patienten, die im Rahmen einer NF2 ertauben, auch für die Versorgung mit einer Hirnstammprothese geeignet sind. Die offenbar weniger aggressiven Formen der NF2 sind wohl eher geeignet, und auch bestimmte genetische Mutationen erscheinen eher vorteilhaft für eine Implantation zu sein. Gleichzeitig ist die strikte bisherige Ablehnung der Implantationen bei Bestrahlungen durch Hinweise aus Skandinavien aufgeweicht worden, da dort auch derartige Patienten von der Hirnstammprothese profitieren konnten. Die Berichte zeigen aber auch, dass die Bestrahlung ein hohes Ertaubungsrisiko beinhaltet und bei weiterem Wachstum der Tumoren das chirurgische Vorgehen deutlich erschwert wird. Sind Diagnostik, Indikationsstellung und Operation von viel Erfahrung abhängig, so ist auch die postoperative Betreuung nur von erfahrenen Spezialisten zu leisten. Die Anpassung der Elektroden und die Auswahl der nutzbaren Elektroden und ihre Schaltung in der Art einer Tonleiter erfordern viel Geduld auf beiden Seiten. Dies liegt daran, dass die Implantate durch ihre technischen Möglichkeiten eine hohe Flexibilität in Bezug auf die verwendeten Sprachverarbeitungsstrategien aufweisen und die 21 stimulierbaren Elektroden in beliebiger Weise zu Kanälen verschaltet werden können. Damit ist eine ungeheuer große Anzahl von denkbaren Kombinationen möglich, die praktisch kaum nutzbar sind. Dennoch zeigt sich die hohe Elektrodenzahl als günstig, da bei jedem Implantat einige Elektroden nicht nutzbar sind oder Nebenwirkungen erzeugen und deshalb beim Programmieren ausgeschaltet werden müssen.

Wie eine Programmierung optimiert werden kann, wurde eingehend besprochen. Der Indikationsbereich des ABI bezieht sich vornehmlich auf Patienten mit NF2. Andere Indikationen sind sehr viel seltener; sie stellen eine Ausnahme dar. So wurde sehr kritisch die Anwendung bei Klein- und Kleinstkindern besprochen, die keine Hörnerven oder keine Innenohren haben. Auch eine vollständig verknöcherte Hörschnecke, nicht selten Folge einer bakteriellen Hirnhautentzündung, ist nach wie vor keine gesicherte Indikation. Diese Patienten profitieren auch oder sogar mehr von einem Cochlear Implant.

Diese Diskussion war schließlich auch der Anlass für die Diskussion zum Vergleich von Hirnstammprothesen und Innenohrprothesen (Cochlear Implants). Die einmütig Meinung der anwesenden Spezialisten lautete, dass beide Verfahren zu vergleichen unzulässig sei. Zwar sind beide Prothesentypen prinzipiell in Aufbau und Funktion sehr ähnlich, aber sie werden unter gänzlich verschiedenen physiologischen und pathophysiologischen sowie pathologisch-anatomischen Bedingungen eingesetzt. Dementsprechend sind auch die Ergebnisse gänzlich unterschiedlich. Ein ansonsten gesunder Patient, der im Innenohr ertaubt, kann mit CI Sprache ohne von den Lippen abzulesen mit einer Wahrscheinlichkeit bis zu 80 % verstehen. Patienten mit einem ABI gelingt dies, und dann auch nur limitiert, mit einer Wahrscheinlichkeit von höchstens 10 %. Dennoch hat sich bei 80 % der ABI-Patienten die Lebensqualität verbessert, und 70 % bis 80 % der ABI-Patienten nutzen ihre funktionierenden Prothesen mehr als acht Stunden täglich. Sie erfahren eine verbesserte Kommunikation durch die akustische Ankopplung an die Umwelt - Vorteile, die diese Patienten nicht missen möchten. Es gehört deshalb zur Pflicht der die Patienten und ihre Angehörigen beratenden Spezialisten, auf diese Besonderheiten hinzuweisen und die Erwartungen realistisch zu gestalten.